MIRMI Aktuelles
Verantwortungsvolle Robotik: Wie Roboter gesellschaftsfähig werden
Der Blick auf die Legomodelle der Teilnehmenden an einem Workshop zum Thema „verantwortungsbewusste Robotik“ zeigt schnell: Die Ansichten auf das Thema „Roboter in der Pflege“ können sehr unterschiedlich sein. Eine drehbare Kamera steht für die Autonomie eines Roboters, eine kleine Blume für Mitgefühl und eine Art Bücherstapel für Dokumentation, Verantwortung und Transparenz. Das Ziel der für den Workshop gewählten Interaktionsmethode Lego Serious Play war, zwischen Ingenieur:innen und Pflegeforschenden eine gemeinsame Vision von der Zukunft der Forschungen zu entwickeln, besser gesagt: sie zu bauen. Die scheinbaren Gegensätze sind Programm: Mit Ruth Müller, Alena Buyx und Sami Haddadin von der Technischen Universität München (TUM) und Iris Eisenberger von der der Universität Graz waren zwischen April 2020 und Ende Juni 2023 vier Professor:innen in das Forschungsprojekt „Responsible Robotics“ involviert, die von ihrer wissenschaftlichen Herkunft unterschiedlicher kaum hätten sein können. Aufgabe der vom Bayerischen Forschungsinstitut für Digitale Transformation (bidt) geförderten Forschungen bestand darin, die Sichten von Wissenschafts- und Technologiepolitik, Ethik, Robotik und Jura innerhalb von knapp drei Jahren auf einen Nenner zu bringen. Oder einfach gesagt: Einen Roboter zu finden, der sozialen, ethischen, rechtlichen und technischen Anforderungen gerecht wird.
Effekte von Technologien während der Entwicklung identifizieren
Ob mithilfe von Workshops, in Diskussionsrunden, einer TUM Project Week mit Studierenden aus unterschiedlichen Studienrichtungen oder Lego Serious Play: „Wir wollen die gesellschaftliche Dimension von Technologie greifbar machen“, sagt die Professorin für Wissenschafts- und Technologiepolitik an der TUM, Ruth Müller. „Wichtig ist, potenzielle Effekte von innovativen Technologien schon während des Entwicklungsprozesses zu identifizieren“. Im Kontext 'Robotik in der Pflege' könnten Roboter zwar die Pflege im Arbeitsalltag unterstützen, doch gleichzeitig könnten dadurch auch wichtige Routinen in der Pflege grundlegend verändert werden. Darum ist es essentiell, die Perspektiven von Pflegenden in den Entwicklungsprozess zu integrieren. „Roboter sollen Pflegekräfte in ihrer Arbeit und Expertise unterstützen, nicht ersetzen“, so Müller, die Robotik als eine flexible Technologie ansieht, deren „soziale Konsequenzen von vielen Entscheidungen und Wertsetzung während der Entwicklung abhängen“.
Pflegeforschende nicht so Technik-avers wie erwartet
Wenig überraschend ist: Während Forschende aus dem Pflegebereich den Fokus auf die Bedürfnisse der Pflegenden und zu Pflegenden legten, ging es den Ingenieur:innen eher darum, „Cutting Edge“-Technologien zu schaffen, so Ergebnisse aus den Lego-Serious-Play-Sitzungen. Trotzdem gibt es weder in der Pflegenden- noch in der Technologiefraktion klare Fronten. „Pflegeforschende stellten sich als weit weniger technik-avers heraus wie manchmal angenommen“, sagt die Innovationsforscherin Svenja Breuer aus dem Department of Science, Technology and Society (STS) der TUM School of Social Sciences and Technology der TUM. Zwar sehen Pflegestudierende in Robotern eher die Chance, Prozesse zu automatisieren und lästige Dokumentationspflichten zu übergeben. Pflegeforschende schauen zudem sehr genau, ob es alten und pflegebedürftigen Menschen durch den Einsatz von robotischen Anwendungen wirklich bessergeht. Und ja: Ingenieur:innen und Informatiker:innen träumen von einem weitgehend autonom agierenden Serviceroboter. Doch liegt die „Wahrheit“ für die spätere Lösung irgendwo dazwischen.
Datarecoder: Transparenz für Reha- und telemedizinische Behandlung
Ein gutes Beispiel für greifbare Technik und letztlich eine Konsequenz aus interdisziplinären Überlegungen bietet der Datarecorder für den Pflegeroboter GARMI aus dem Forschungszentrum Geriatronik des Munich Institute of Robotics and Machine Intelligence (MIRMI). Denn die zentrale Frage ist: Wer trägt die Verantwortung, wenn ein Pflegeroboter einen Patienten verletzt? Ist der Pfleger Schuld, die Ärztin, die die Behandlung angeordnet hat oder der Programmierer, der einen Fehler im Algorithmus gemacht hat? Der Datarecorder speichert die gesamte Behandlung und virtualisiert diesen Ablauf. „Wir nehmen die Interaktion des Menschen mit dem Roboter auf, um im Falle eines Unfalls nachvollziehen zu können, was genau passiert ist. Diese Dokumentation ist gerade bei den vulnerablen Bevölkerungsgruppen wie älteren und körperlich oder geistig eingeschränkten Menschen, mit denen wir zu tun haben, unheimlich wichtig“, sagt Forscher Maximilian Braun aus dem STS-Team. Das Prinzip: Mithilfe des Datarecorders werden sämtliche Kräfte, die etwa bei einer Reha-Behandlung auftreten, aufbereitet und sichtbar gemacht – und zwar virtuell und anonymisiert. Simulationsmodelle machen also den gesamten Ablauf etwa einer Reha- oder telemedizinischen Behandlung durch den Pflegeroboter transparent. „Dadurch kann jeder nachvollziehen, warum etwas schiefgegangen ist“, sagt Wissenschaftlerin Breuer, die froh darüber ist, dass über den Datarecorder ein „wirklich interdisziplinäres Paper“ kürzlich erschienen ist, an dem technisch, sozial, ethisch und rechtlich versierte Forschende mitgearbeitet haben.
Der gesellschaftsfähige Roboter: Nutzerorientiert, gut integriert, im Teamwork entstanden
Letztlich ist damit auch ein Ziel erreicht, das Lego Serious Play schon auf den Weg gebracht hat, nämlich alle an der Entwicklung von Robotikanwendungen in der Pflege Beteiligte an einen Tisch zu bekommen und gemeinsam über die Zukunft von Robotik in der Pflege nachzudenken. Die Frage bleibt, ob ein entsprechender Roboter wirklich all das werden kann und soll, was schlagwortartig auf den Post-ITs steht, die die Legomodelle der Workshop-Teilnehmenden erklären: ein autonomer, mitfühlender, einfach zu integrierender und nutzerorientierter Roboter, der im Teamwork entstanden ist, und der ethischen Anforderungen und rechtlichen Fragen standhält. „Das Responsible-Robotics-Projekt hat jedenfalls einen wichtigen Grundstein dafür gelegt, dass sich die Entwicklung von Robotern in diese Richtung bewegt“, ist Wissenschaftler Braun überzeugt.
Weitere Informationen
Der Wissenschaftler Dr. Daniel Tiger aus dem Lehrstuhl für Ethik der Medizin und Gesundheitstechnologien der TUM erläutert das Projekt „Responsible Robotics“: https://youtu.be/Hq97gfgT7XA
Publikationen
Jon Skerlj, Maximilian Braun, Sophia Witz, Svenja Breuer, Marieke Bak, Sebastian Scholz, Abdeldjallil Naceri, Ruth Muller, Sami Haddadin, Iris Eisenberger; Data Recording for Responsible Robotics; 2023 - https://ieeexplore.ieee.org/document/10187414
Svenja Breuer, Maximilian Braun, Daniel Tigard, Alena Buyx, Ruth Müller; How Engineers’ Imaginaries of Healthcare Shape Design and User Engagement: A Case Study of a Robotics Initiative for Geriatric Healthcare AI Applications; 2023 - https://dl.acm.org/doi/full/10.1145/3577010
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